Wenn ein neuer Ian McEwan rauskommt…

… dann muss ich ihn einfach lesen, literarische Dystopie hin oder her (bin normalerweise kein besonderer Fan von Dystopien a la 1984). Die Geschichte um Adam, einen der ersten mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter, die man kaum von Menschen unterscheiden kann, ist interessant, hätte aber durchaus noch Potential nach oben geboten.
Die Grundidee, die Geschichte in einer Science-Fiction Zukunft, welche so subtile künstliche Intelligenz mit Bewusstsein und Persönlichkeit ermöglicht, spielen zu lassen, die aber in der Vergangenheit (1982) liegt, ist typisch McEwan, witzig und intelligent auf eine subtile Art. Hauptgrund dafür ist, dass Alan Turing, ein Pionier der Computer Logik, nicht in den 50ern Selbstmord begangen hatte, sondern weiter geforscht hat und die Ergebnisse als open-source allen verfügbar gemacht hat. Dass dann natürlich auch manche Ereignisse der Weltgeschichte anders als bekannt ablaufen, ist klar. Leider widmet McEwan dem Beschreiben von Turings Erkenntnissen und den falschen historischen Geschehnissen teilweise viel Raum, was manchmal ablenkt und den Fluss unterbricht. Man kommt ins Grübeln: wie war es denn wirklich? Den Vorwurf der Fake-News, die McEwan uns da untermischt, muss ich aber zurückweisen: der Leser, das setzt McEwan einfach voraus, ist perspektivisch nun mal intelligent und gebildet genug, um im Zweifel selbst zu recherchieren und nicht seine Geschichte als historisch korrekte Darstellung zu missverstehen.   

Wir lernen Adam kennen, den Roboter der 1. Generation mit derart künstlicher Intelligenz, dass er auf der Straße nicht mehr als Roboter erkannt wird. Er atmet sogar, kann Sex haben, und entwickelt seine eigene Persönlichkeit, die anfangs noch auf Null gesetzt ist, sich aufgrund seiner Erfahrungen und Interaktionen jedoch nach und nach festigt. Charlie, sein Besitzer, ist ein nur leidlich erfolgreicher technikaffiner Aktienhändler, der von zuhause aus versucht, mithilfe der Aktiengeschäfte seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er hat eine Erbschaft genutzt, um sich Adam zuzulegen, just in dem Moment, als er sich auch in seine Nachbarin Miranda verliebt. Anfangs läuft noch alles gut, mit Miranda ebenfalls wie mit Adam, doch bald zeigen sich Brüche in seiner Welt. Miranda hat scheinbar einiges zu verbergen, und Adam entwickelt Gefühle, Gefühle, die Miranda nicht verborgen bleiben… Kann so ein Dreigespann funktionieren? Wird Adam der Rolle des „Butlers“ entwachsen, sobald er merkt, dass seine Kenntnisse und Fähigkeiten denen von Charlie und Miranda keinesfalls ebenbürtig sind, sondern sie um Längen übersteigen? Umso mehr ich las, umso mehr hat mich auch McEwans Sprache ans Geschehen gefesselt. Etwas schade, dass McEwan nicht etwas tiefer in die Psyche der Protagonisten gegangen ist, da wäre noch Spielraum gewesen. Trotzdem aber insgesamt ein gelungenes Lesevergnügen, das viele Denkanstöße mit sich bringt.  

 

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Wenn man ganz viele Ideen im Kopf hat…

… und dann einfach drauf los schreibt. Wenn man einen kuriosen Traum hatte, und den dann einfach so, wie er ist, auf die Seiten bringt. So oder so ähnlich stelle ich mir den Schaffensprozess vor, den Bela B im Vorfeld durchlaufen hat. Vielleicht noch ein paar durchsoffene Nächte…

Unterm Strich ist eine komplett abgespacte Geschichte dabei herausgekommen, die so durcheinander und ohne Bezug zueinander war, dass ich einfach über Seite 200 nicht hinausgekommen bin. Das passiert selten und tut mir echt leid, aber es war einfach zu… abgefahren. Fliegende Männer, nackte Bankräuber, Polizisten, die eine Leiche im Flur liegen lassen und sich dann mit den besagten Bankräubern besaufen? Ganz abzusehen von den Terroristen, die Haustiere hinrichten, weil sie davon überzeugt sind, dass diese ihre Politiker-Herrchen kontrollieren, nein verzeih, nicht mal die tatsächlichen Politiker-Hunde werden attackiert, sondern die Geschwisterchen der berühmten Hunde.

WTF? Das war eigentlich meine hauptsächliche Reaktion auf die Lektüre. Ich weiß, es gibt so ein Genre, in dem verrückte Geschichten, die lustig geschrieben sind, recht erfolgreich sind. Und lustig war es! In seiner absoluten Absurdität gab es genügend situationsbedingte Komik, ABER: ein Buch kann davon aber zwar zehren, es braucht jedoch etwas mehr „Kitt“, dass es zusammenhält. Vielleicht einen Protagonisten, an dem man sich festhalten kann, mit dem man mitfühlen kann, oder einen grundlegenden Sinn hinter den Dingen, eine durchscheinende Message oder ein gemeinsames Thema, das gab es einfach nicht (außer dass alle dumm oder assi waren und nicht sehr erfolgreich in ihrem Leben – aber eben die Bösewichte genauso wie die Opfer, wie die Helden). Dadurch waren es wahllos aneinandergereihte Kuriositäten, die einfach ein Stück drüber waren.

Natürlich kann es sein, dass in den letzten Seiten auf einmal alles Sinn ergibt. Aufgrund von anderen Rezensionen kann ich jedoch daraus schließen, dass es nur NOCH SCHLIMMER wird, weshalb mich mein Mut einfach verlassen hat.

Schade!

Wenn man sich kritisch mit seiner Ernährung auseinander setzen will…

… kommt man an „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast einfach nicht vorbei.

Er setzt sich systematisch mit Forschungsergebnissen und dadurch durchaus wissenschaftlich mit dem Thema auseinander. Seine Folgerungen sind ein Mix aus Altbekanntem und Diskutablen, schön übersichtlich in 12 Punkten zusammengefasst:

1. Wenig verarbeitetes Essen
2. Pflanzen als Hauptspeise
3. Lieber Fisch als Fleisch
4. Joghurt ja, Käse ok, Milch lala
5. Wenig Zucker und Transfette
6. Ja zu gesunden Fetten
7. Low-Carb hilft beim Abnehmen
8. Viel Eiweiß
9. Intervallfasten
10. Omega 3
11. Keine Vitaminpillen außer D, Omega 3 und B
12. Essen genießen

Es wird ein breit aufgestellter, fundierter Ernährungsratgeber, und nicht nur ein schneller nichtsnützender Diäthype geboten. Kast setzt sich kritisch mit diesen Diäten auseinander und berücksichtigt dabei wissenschaftliche Studien, man lernt also etwas. Man wird nach diesem Buch (habe es im Hörbuch gehört, wunderbar auf langen Autofahrten!) ganz einfach Lust haben, bewusster mit seiner Ernährung umzugehen. Er versteht es, nicht zu missionieren sondern wirkliches Interesse an gesunder Ernährung zu wecken. Ich bin begeistert!

 

Wie eine einzige Nacht den Lauf eines Lebens verändern kann…

Ein unscheinbarer Küchengehilfe, muss mit ansehen, wie seine psychopatische, fehlgeleitete, machtbegierige Vorgesetzten, deren Moral quasi nicht vorhanden ist, im Ersten Tschetschenienkrieg durch ihre Gewalt und ihren Hass, ihre Uferlosigkeit in wenigen Stunden so viel Unheil in ihm und an anderen anrichten, dass die Unschuldigkeit, die Jungenhaftigkeit in ihm für immer erlischt. Was übrig bleibt, ist „der General“, der vor nichts mehr Angst hat, und dadurch eine ungewohnte Autorität ausstrahlt. Diese Autorität und die Rücksichtslosigkeit, die er im Folgenden an den Tag legt, machen ihn schnell zu einem mächtigen, stinkreichen Mann. Doch auch noch Jahrzehnte später kann er das Geschehene nicht vergessen. Die Zeit, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, scheint gekommen, als ihm „Die Katze“ über den Weg läuft, ein perfektes Double von dem damaligen Opfer. Was folgt, ist eine Inszenierung, deren Ausgang ungewiss ist…  

Den Einstieg fand ich klasse. Da war ich Feuer und Flamme und hatte richtig Lust auf den Rest des Buches. Aber nach und nach ist die Begeisterung geschwunden, bis so gut wie nichts mehr davon übrig war. Was sollte es, diese ganzen Nebenfiguren bis ins kleinste Detail vorzustellen, deren komplettes Leben aufzurollen, was dann im Verlauf der Geschichte kaum Relevanz hatte? Da hätten mal eben 300 Seiten gespart werden können. Gegen Ende wurde es dann wieder besser, als endlich mal wieder was passierte. Aber auch hier, fand ich irgendwie die Geschichte nicht so recht plausibel. Diese Selbstmorde mal dahingestellt, was sollte diese Faszination der Katze mit Nora, von der sie doch überhaupt gar nichts wusste? Auch die Motivation der anderen Figuren fand ich nicht ganz schlüssig. Der Journalist zum Beispiel, ein gestandener Mann, der sein komplettes Leben wegwirft, nur weil seine Exfreundin, mit der er max. ein Jahr zusammen war, wovon die letzten Monate eh eine Qual waren, sich NICHT wegen ihm umbringt? Weiß nicht. Das Ende ist natürlich klasse. Aber für mich wiegt es die ganzen Schwächen des Buches nicht auf. Schade, hatte mehr erwartet!

Das Hörbuch wurde perfekt umgesetzt, es gibt verschiedene Sprecher, die alle einen tollen Job machen. So weiß man jeweils genau, wer spricht und die Emotionen kommen super rüber. Außerdem hat man wirklich was davon, da es ungekürzt ist. Mehr davon!

Wenn Frauen immer noch weniger Wert sind wie Männer…

Leila Slimani hat in ihrem neuen Buch mit sechzehn islamischen Frauen aus Marokko über ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema Sex gesprochen. Obwohl die Emanzipation der Frau auch in Deutschland noch nicht gänzlich abgeschlossen ist, halten wir viele Dinge für ganz selbstverständlich. So zum Beispiel die Entscheidung darüber, wann wir mit wem intim werden und wie weit wir dabei gehen. Leila Slimani zeigt, dass so ein Verhalten in Marokko aktuell absolut undenkbar ist. Von klein auf werden Mädchen in islamischen Ländern dazu erzogen, keine Schande über die Familie zu bringen. Ehebruch, Prostitution, Homosexualität werden bis heute noch in Marokko mit Gefängnis bestraft. Die Frauen befinden sich in einer inneren Zerissenheit, zwischen Hoffnung und Aufbegehren. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, heißt gleichzeitig, den Ruf der Familie zu ruinieren, sich komplett abzuwenden von der Familie und anschließend Angst zu haben, nicht nur vor dem Gesetz und dem Gefängnis, sondern vor der eigenen Familie.

Ich finde es erschreckend, dass in unserer heutigen Zeit so ein Verhalten immer noch so weit verbreitet ist: Frauen aller Schichten erzählen hier ihre Geschichte. Das schlimme daran ist, dass heute der Spiegel des westlichen Lebens diesen Frauen vorgehalten wird. Ich hoffe sehr, dass das dazu beiträgt, dass sich ihre Situation schnellstmöglich verbessert. Wie das genau passieren kann, weiß ich nicht. Ihre mitreißenden und eindringlichen Worte zu veröffentlichen, die mich erschüttert und bewegt, mich wütend gemacht und empört haben, ist ein erster Schritt.

 

Wenn ein Spaziergang durch ein altes Haus zur Inspiration wird…

Bill Bryson’s „Eine kurze Geschichte von fast allem“ habe ich geliebt, verschlungen und werde es sicherlich auch noch ein zweites Mal hören, man vergisst ja leider so schnell die Details.

Daher habe ich mich rießig auf die Fortsetzung gefreut, in der anhand des alten englischen Pfarrerhauses, in dem Herr Bryson wohnt, die Geschichte der Räume, und der darin enthaltenen Dinge bzw. Bräuche erklärt werden.

Das gelingt, finde ich, leider nur zum Teil. Natürlich ist wieder der tolle Humor vorhanden, alles wird interessant aufbereitet, und doch kommt irgendwie die Spannung abhanden. Zum Teils werden sehr langwierig irgendwelche Biografien erläutert, die dann kaum Bezug zu dem eigentlichen Gegenstand haben. Die Geschichten an sich sind sehr england- und amerikalastig. Und dann hat es mich irgendwie einfach nicht so fasziniert, was er da erzählt – wahrscheinlich liegt das aber auch daran, dass ich die Geschichte von Fenstern oder Stühlen oder Tapeten ganz persönlich nicht so wahnsinnig spannend finde. Obwohl, die der Tapeten war wirklich sehr interessant, es lohnt sich also punktuell schon! Und Rufus Beck macht einen wirklich tollen Job.

Fazit ist also, ich bin sehr zwiegespalten! Die anderen Bücher von Bryson sind deutlich besser, schlecht ist es aber auch nicht. Wer halt eben zu sehr alltäglichen Dingen ausschweifende Geschichten über das 17. Jahrhundert hören will, der ist hier richtig!

Wenn Kinder auf sich allein gestellt sind…

Der zwölfjährige Frido erzählt seiner kleinen Schwester Chiara beim Zubettgehen die Geschichte eines alten Mannes, der ein Baby stiehlt. Als seine Mutter dies mitbekommt, rastet sie komplett aus. Die Familie befindet sich von diesem Moment an in einem Abwärtsstrudel. Es ist eine schockierende, einfühlsam erzählte Geschichte über eine Familie, die sich selbst überlassen ist und bei der es erst zur finalen Katastrophe kommen muss, bis Hilfe geleistet wird. Fassungslos ist man bis zum Schluss von der Handlung gefesselt und muss einfach weiterlesen, wie die Kinder den Alltag auf sich gestellt bewältigen.

Steven Uhlys Roman „Glückskind“ war einer meiner Favoriten im letzten Lesejahr, weswegen ich sehr gespannt auf seinen Nachfolger „Marie“ war. Oftmals birgt eine Fortsetzung jedoch ihre Tücken und nicht immer ist diese so mitreißend wie der erste Teil. So erging es mir leider auch ein wenig mit „Marie“. Der Ansatz ist gut, aber der Autor wollte zu viel auf einmal mitteilen, irgendwie bin ich nicht so ganz reingekommen.